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zwischen Hilfsmittel und Sucht
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Medikamente können auch krank machen - und unscheinbare Pillen eine dauerhafte Tabletten-Abhängigkeit auslösen.
Es ist gar nicht so einfach, Medikamente richtig zu nutzen.
Einige Tipps dazu gibt der Arzneimittelversorgungsforscher Prof. Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen.
Doris Plenk hat mit ihm und Karin Mohn von der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) über heilsame und
verheerende Wirkungen von Medikamenten gesprochen.
Definition: was Medikamente sind -
"Gesundmacher" oder "gefährliche Chemie" ?
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Medikamente sind (halb)synthetische oder natürliche Stoffe, mit denen man in die körperlichen und
seelischen Prozesse des Menschen eingreifen kann. In ihrer Wirksamkeit liegt gleichzeitig auch ihre
Gefahr. Denn der Körper reagiert sehr empfindlich auf Stoffe, die ihm zugeführt werden. Und so
schwankt das Image von Medikamenten zu Recht zwischen "Gesundmachern" und "gefährlicher Chemie".
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Sucht und Missbrauch: "mother's little helper"
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Tablettensucht ist nach Alkoholmissbrauch die häufigste Sucht in Deutschland.
Insgesamt 1,4 Millionen Menschen sind von Medikamenten abhängig, davon ca. 1,1 Millionen
von Benzodiazepinderivaten (Beruhigungsmitteln) und 300.000 von anderen Arzneimitteln. Vor allem ältere
Menschen und Frauen greifen zwanghaft und oft unbemerkt zur Tablette.
Was die Rolling Stones bereits 1968 in "Mother's little helper" besungen haben, hat auch mehr als
30 Jahre später nichts an Aktualität eingebüsst. Trotzdem werden Medikamentenabhängige
häufig auch von den Ärzten alleine gelassen.
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Sucht: Risikopräparate - wo liegt die Suchtgefahr bei Medikamenten ?
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Prof. Glaeske: Die Medikamentenabhängigkeit ist ein völlig unterschätztes
und in der Öffentlichkeit vernachlässigtes Thema. Nach dem Alkoholismus ist die
Medikamentensucht in Deutschland mit geschätzt 1,5 Millionen Betroffenen der
zweitgrösste Bereich. Dagegen sind die so genannten "illegalen Drogen", über die
fast täglich in der Zeitung zu lesen ist, mit 200- bis 400-Tausend Abhängigen
geradezu gering vertreten. Dass die Medikamentensucht dennoch so wenig beachtet wird, kann daran
liegen, dass dahinter letztlich immer Experten stehen:
Ärztinnen und Ärzte, die solche Mittel mit Suchpotential verordnen oder
Apotheker, die diese Mittel empfehlen. Offenbar haben diese Experten nicht ausreichend Wissen darüber,
welche Substanzen tatsächlich mit einem Abhängigkeitsrisiko verbunden sind.
Heimliche Begleiter
Die Suchtproblematik betrifft heute nach wie vor vor allem Tranquilizer bzw. Beruhigungsmittel, die aus der
sogenannten "Valium-Familie" kommen.
Es sind Mittel, wie Lexotanil, Tavor, oder Rohypnol,
Dalmadorm oder Mogadan und viele andere mehr, die hier eine Rolle spielen. Es ist
davon auszugehen, dass alleine von dieser Medikamentengruppe 1,1 Millionen Menschen dauerhaft abhängig
sind. Sie müssen diese Mittel ständig einnehmen. damit es nicht zum Entzug kommt. Obwohl diese
Substanzen seit 1960 auf dem Markt sind, hat man das Suchtpotential erst sehr spät erkannt . Das liegt auch
daran, dass die Abhängigen die Dosierung nicht unbedingt steigern müssen.
Man kann bei der ursprünglichen Dosierung von ein bis zwei Tabletten pro Tag über Jahre hinweg bleiben.
Da wir Abhängigkeit sonst immer mit Dosis-Steigerung verbinden, mit psychischer und physischer Verwahrlosung
und auch damit, dass kriminelle Energien verwendet werden, um an das Mittel zu kommen, bleibt
Medikamentenabhängigkeit nach aussen hin sehr lange unentdeckt. Im Grunde genommen macht sich die
Abhängigkeit erst dann bemerkbar, wenn das Mittel abgesetzt wird - manchmal zufällig, weil das
Medikament im Urlaub vergessen wurde. Dort zeigen sich dann Entzugssymptome.
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Etwas anders sieht es bei Präparaten aus, die z.B. Codein enthalten (Husten- und Schmerzmittel) bzw. bei Opiaten,
die ebenfalls zu Abhängigkeit führen können. Aber der Hauptteil der Medikamentenabhängigkeit ist
bezogen auf die Tranquilizer und Schlafmittel. Betroffen sind vor allem Frauen und ältere Menschen. Etwa 60 Prozent
der Abhängigen sind Frauen über 60 Jahre. Auch dies sollten die Ärzte berücksichtigen, wenn sie diese
Mittel verschreiben.
Wenn Ärzte feststellen, dass ihre ältere Patientin schon seit 10-15 Jahren solche Präparate nimmt, ist
ein Entzug oft sehr schwierig.
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Sucht: Gefährdete Gruppen
Warum gehören gerade Frauen zu dieser Risikogruppe ?
Prof. Glaeske: Es gibt insgesamt drei Aspekte:
Erstens: gehen Frauen einfach häufiger zum Arzt und bekommen häufiger Arzneimittel.
Zweitens: Es ist gewissermassen ein Lebensphasenkonzept. Bei Frauen werden viele Stationen zu Krankheiten
umdefiniert. Das beginnt mit der Menstruation, geht hinüber in die Schwangerschaft und später in die
Menopause.
Überall ist der Kontakt zur Medizin da, die Arzneimittel verordnet. Frauen wenden sich bei bestimmten
Problemen und Beschwerden immer wieder an die Medizin, weil sie hier eine kompetente Beratungssituation vermuten
- nicht immer zu Recht, wie man an der häufigen Verordnung von Psychopharmaka sieht.
Pillen gegen die innere Leere
Der dritte Punkt ist, dass Frauen im Alter von etwa 45 Jahren oftmals in einer gesellschaftlichen Situation
leben, die sie unbefriedigt zurücklässt. Die Familie fällt vielleicht auseinander. die Kinder gehen
aus dem Haus, der Mann arbeitet, und die Frau bleibt allein.
Es gibt die Beschreibung des sogenannten "empty-nest-Syndroms", des leeren Nests, in dem Frauen
zurückbleiben. Hier fühlen sie sich nicht mehr gewertschätzt, sie haben ihren Aufgabenbereich
verloren und bekommen keine Anerkennung.
Diese Situationen führen aus psychologischer Sicht häufig dazu, dass sich Frauen unwohl fühlen, dass
sie deprimiert sind und dann zu einer Bewältigungsform greifen, die Frauen offensichtlich näher ist als
Männern. Kommen Männer in so eine Situation, dann ist häufig Geselligkeit mit anderen Männern
oder Alkohol ein Bewältigungsmechanismus.
Frauen sind eher introvertiert und ruhig, und dazu passt das Arzneimittel sehr gut. Und dazu passt auch der Gang zu
jemandem sehr gut, mit dem man diese Probleme besprechen kann. Das Problem ist dabei aber leider, dass viele Ärzte
in den notwendigen psychosozialen, kommunikativen Kompetenzen nicht gut ausgebildet sind. Sie greifen dann auch rasch
zu den Lösungsstrategien mit Arzneimitteln, die oft zum dauerhaften Begleiter von Frauen werden.
Diese Präparate machen zwar stabiler und halten funktionstüchtig. Sie lösen aber im Grunde das Problem
nicht, sondern dämpfen es nur. "Frauen werden in Pharmawatte gepackt, hat jemand einmal geschrieben. Und ich
glaube, das ist eine ganz richtige Beschreibung".
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Therapie: Auswege aus dem Teufelskreis
Patienten können jahrelang von Medikamenten abhängig sein, ohne dass es ihnen oder ihrer Umwelt auffällt.
Ein Entzug ist oft langwierig und setzt die Einsicht bei den Betroffenen voraus. Noch gibt es in Deutschland wenige
Selbsthilfegruppen für Medikamentenabhängige, obwohl es sich bei der Tablettensucht durchaus um ein
Massenphänomen handelt und die Zahl der Abhängigen in den vergangenen 15 Jahren zugenommen hat. Hilfestellung
geben die Bundes- bzw. Landeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung oder die Deutsche Hauptstelle gegen die
Suchtgefahren (DHS).
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Dauerkopfschmerz, Schläfrigkeit, Stürze - das sind einige Symptome,
wie sich die Medikamentensucht auf die Betroffenen auswirkt.
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Therapie: Die Süchtigen
Wie wirkt sich die Medikamentensucht auf die Betroffenen aus ?
Karin Mohn: Zum einen kann es vorkommen, dass bei bestimmten Medikamenten allmählich die Wirkung
nachlässt.
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Dadurch steigt das Bedürfnis, immer mehr Medikamente einzunehmen. Wenn man dazu übergeht, sich von
verschiedenen Ärzten Medikamente verschreiben zu lassen bzw. sie in verschiedenen Apotheken zu kaufen,
dann ist das ein deutliches Alarmzeichen.
Bei der sogenannten "Niedrigdosis-Abhängigkeit", also in den Fällen, in denen über
lange Zeit hinweg immer nur die angegebene Dosis des Medikaments eingenommen wird, kann man die Abhängigkeit
am besten feststellen, indem man versucht, das Medikament abzusetzen.
Diese Form der Abhängigkeit entsteht vor allem bei Benzodiazepinen (einer Medikamentengruppe mit angstlösender
und beruhigender Wirkung).
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Werden diese länger als drei Monate verschrieben, ist die Gefahr einer Abhängigkeit gegeben. In
diesen Fällen sollte man in jedem Fall mit einem Arzt ein ausführliches Gespräch führen
und gegebenenfalls eine weitere ärztliche Meinung einholen.
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Dauerkopfschmerz
Die Medikamentensucht kann sich im Alltag auf verschiedene Weise niederschlagen, je nachdem von welchem Medikament
man abhängig ist. Beruhigungsmittel und Schlafmittel wirken dämpfend. Das kann zur Folge haben, dass
man am Vormittag schläfrig ist und seine Aufgaben nicht erfüllen kann. Bei alten Menschen kommt
es in dieser Zeit oft zu Stürzen, die mit bleibenden Schäden verbunden sein können. Menschen,
die von Schmerzmitteln abhängig sind, können nach einiger Zeit den medikamentenabhängigen
Dauerkopfschmerz entwickeln. Der wird dann ebenfalls mit Medikamenten behandelt, was dazu führen kann, dass
solche Menschen über lange Zeit über 100 Tabletten am Tag schlucken. Dadurch stellen sich auf Dauer auch
körperliche Schäden ein, z.B. Nierenversagen.
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Wie sollten Angehörige auf die Medikamentensucht reagieren ?
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Karin Mohn: Selbst nahestehende Menschen bemerken die Abhängigkeit häufig nicht. Das liegt daran,
dass die Symptome nicht sehr auffällig sind
- es ist beispielsweise keine "Alkohol-Fahne" da -
und das Medikamentensüchtige über eine lange Zeit gut "funktionieren". Wenn man allerdings
feststellt, dass Partner/-in, Freund/-in oder Kollege/-innen immer mehr Medikamente kaufen, wechselnde
Ärzte aufsuchen, sich zurückziehen oder (bei einigen Medikamenten) ein kindliches Verhalten zeigen
bzw. Sätze häufig wiederholen, dann ist das als Warnzeichen zu sehen. In diesem Fall ist es das Beste,
die Person auf das Verhalten anzusprechen. Es kann sein, dass man die Person häufiger ansprechen muss.
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Anders als Alkoholabhängige sind Medikamentenabhängige noch weniger bereit, diese Sucht als solche zu erkennen.
Angehörige können hier auch nur unterstützend eingreifen. Den entscheidenden Schritt aus der
Abhängigkeit muss der oder die Betroffene selbst tun.
Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es für Medikamentenabhängige ?
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Karin Mohn: Die erste sinnvolle Aktion wäre, einen Arzt aufzusuchen und dabei aufzudecken, welche und wieviele
Medikamente über welche Zeit bereits eingenommen werden. Anschliessend kann oft ein stufenweiser Entzug
durchgeführt werden, um langsam und sicher in ein suchtfreies Leben hineinzuwachsen.
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Als günstig hat sich eine psychotherapeutische Begleitung erwiesen, und auch die Zusammenarbeit mit einer
Selbsthilfegruppe.
Vor Ort kann man diese Gruppen über Abstinenz- und Selbsthilfeverbände erfragen bzw. über die
Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung oder über die
Deutsche Hauptstelle gegen die
Suchtgefahren.
Allerdings gibt es für Medikamentenabhängige speziell in Deutschland noch sehr wenige Selbsthilfegruppen,
so dass man möglicherweise in eine Gruppe mit Alkoholabhängigen eingegliedert wird. Wir versuchen im Moment
in Zusammenarbeit mit der BKK und den Selbsthilfeverbänden in einem Modellprojekt die Selbsthilfemöglichkeiten
für Medikamentenabhängige in Zukunft zu verbessern. Frauen, die Selbsthilfegruppen initiieren und anleiten wollen,
können gern mit uns Kontakt aufnehmen.
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Gebrauchsanweisung: Medikamente richtig einnehmen
"Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker" ist ein Hinweis, der wörtlich zu nehmen ist.
Denn Beipackzettel alleine reichen nicht aus, um den richtigen Umgang mit Medikamenten zu garantieren".
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Dosierungen, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen: Riskant kann es vor allem dann
werden, wenn Medikamente eingenommen werden, ohne dass der Arzt vorher gefragt wurde.
579 Millionen Packungen haben die Deutschen im Jahr 2000 nach Angaben des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller
in Eigenregie ohne Rezept in der Apotheke gekauft. Der Umsatz bei der Selbstmedikation hat sich seit 1987 fast verdoppelt.
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Nebenwirkungen: geht's auch ohne ?
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"Keine Wirkung ohne Nebenwirkung" lautet ein bekannter Grundsatz.
Dennoch erwarten viele Patienten vor allem von pflanzlichen Medikamenten gefahrlosen Nutzen. Allerdings zu
Unrecht. Denn auch "natürliche" Stoffe sind von Natur aus nicht nur gut. In den vergangenen Jahren
haben Arzneimittelforscher bei einigen pflanzlichen Stoffen aber auch bei Vitaminpräparaten unerwünschte
Wirkungen festgestellt. Medikamente ohne Nebenwirkungen sind nach wie vor eine Utopie.
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Quelle:
http://www.br-online.de/umwelt/-gesundheit/thema/medikamente/index.html |
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