Medikamente - die stille Sucht
Die Abhängigkeit von Medikamenten ist nach Alkoholismus
die am weitesten verbreitete Sucht. Besonders häufig sind
Frauen betroffen.
 |
|
|
Arzneimittelsüchtige leben inkognito. Oft schlucken die Betroffenen über Jahre
hinweg regelmässig Tabletten, ohne dass es die Angehörigen, Bekannten oder Kollegen mitbekommen.
"Medikamentenabhängige funktionieren in ihrem Alltag, sie riechen nicht und sie torkeln nicht",
sagt Dr. Claudia Süßmann, Psychotherapeutin am Frauen-Therapie-Zentrum, München. "Das ist mit ein
Grund, warum so viele Frauen medikamentenabhängig sind - man bleibt unauffällig und hält die Fassade
perfekt aufrecht."
|
|
|
|
Nach Schätzungen der Deutschen
Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) gibt es in Deutschland
rund 1,5 Millionen Medikamentenabhängige. Davon sind zwei
Drittel Frauen. Sie gehen eher zum Arzt als Männer und
bekommen weitaus häufiger Arzneimittel verschrieben. Denn
bei Frauen werden viele Lebensphasen zu Krankheiten
umdefiniert:
Das beginnt mit der ersten Menstruation und geht über die
Schwangerschaft weiter bis zur Menopause. Dadurch entsteht
ein regelmässiger Kontakt zur Medizin: Der Gang zum Arzt,
der gegen die Beschwerden Medikamente verschreibt, ist
normal. Hinzu kommt, dass das Gesundheitsverhalten bereits
in der Familie gelernt wird. "Wenn ein Mädchen sieht, dass
seine Mutter bei Regelschmerzen immer Tabletten schluckt,
wird sie das sehr wahrscheinlich auch tun", sagt Karin Mohn,
Referentin bei der DHS und Koordinatorin des Projekts
"Frauen - Medikamente - Selbsthilfe".
Grosses Suchtpotential
Ist von Medikamentenabhängigkeit die Rede, stehen vor allem
die so genannten psychotropen Medikamente im Blickpunkt. Das
sind in erster Linie Schlaf- und Beruhigungsmittel
(Tranquilizer) aus der Gruppe der Benzodiazepine sowie
bestimmte Schmerzmittel, Aufputschmittel und Appetitzügler.
Sie haben ein hohes Suchtpotential. "Bei Tranquilizern wie
Valium kann man bereits nach einer Einnahmezeit von zwei bis
drei Wochen eine Abhängigkeit entwickeln", warnt
Suchtberaterin Sußmann. Benzodiazepine machen sechs bis acht
Prozent aller häufig verordneten Arzneimittel aus.
|
Obwohl sinkende Verschreibungszahlen nahe legen, dass Ärzte bei
dieser Medikamentengruppe nicht mehr so schnell den Rezeptblock zücken,
sind rund 1,1 Millionen Menschen dauerhaft davon abhängig.
|
|
|
|

|
Verdrängte Leiden
Der Weg in die Sucht beginnt typischerweise mit einer
Erkrankung oder einer besonders belastenden Lebenssituation,
die Auslöser von psychosomatischen Beschwerden wie
Angstzuständen, Unruhe oder Schlafstörungen ist. "Dahinter
stehen nicht selten traumatische Kindheitserfahrungen. Die
Frauen bekommen aber nicht die Therapie, die sie bräuchten,
sondern werden von den Ärzten fürs Erste mit Medikamenten
ruhig gestellt", berichtet Therapeutin Claudia Sußmann.
Anstatt die Probleme zu lösen, werden die Frauen in
Pharmawatte gepackt.
Auch vermeintlich harmlose Medikamente, wie frei
verkäufliche Kopfschmerztabletten, sind nicht ungefährlich.
"Problematisch sind Kombinationspräparate mit Koffein. Die
putschen auf, euphorisieren und können in eine Abhängigkeit
führen", sagt die Münchner Expertin. Der
Koffein-Entzugs-Kopfschmerz animiert zum Weiternehmen der
Tabletten.
Ein Teufelskreis, aus dem die Betroffenen nur schwer wieder
herauskommen.
Generell gilt: Ein Entzug ist ein langwieriger Prozess, für
den die Betroffenen sich bewusst entscheiden müssen.
"Absolut notwendig ist dazu die schleichende Herabsetzung
der Medikamentendosis, da sonst Entzugssymptome wie
Schweissausbrüche oder Angstzustände zu heftig einsetzen
würden.
Die Entgiftung geht fast nur stationär. Eine Fastregel
besagt: Bei jahrelanger Abhängigkeit dauert das Ausscheiden
Monate, bei Monaten sind es Wochen", sagt Diplom-Psychologin
Claudia Sußmann. Anschliessend geht es darum, dass Leben
ohne Medikamente zu schaffen. Ziel ist es, mit schwierigen
Situationen und Gefühlen aktiv umzugehen. "Der Austausch mit
anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen ist dabei ein
wesentlicher Unterstützungsfaktor", betont Dr. Sußmann.
veröffentlicht von Björn Dethlefs in FRAU im Spiegel Nr.2
vom 02.01.2004
|