der Rückfall
Inhalt dieses Artikels:
1.) der Rückfall gehört zur Krankheit
2.) die Krankheitseinsicht muss erarbeitet werden
3.) der Versuch, die Krankheit "wegzuarbeiten"
4.) wie kann die Suchtkrankheit sinnvoll in des eigene Leben integriert werden?
5.) was können Angehörige im Falle eines Rückfalls tun?
6.) wie kann dem Rückfall vorgebeugt werden?
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Als 'rückfällig' bezeichnet man jemanden, der nach einer Zeit der Abstinenz wieder mit
der Einnahme von Suchtmitteln (Alkohol, Arzneimitteln mit Suchtpotential
oder Drogen) beginnt.
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1. Der Rückfall gehört zur Krankheit
Viele Suchtkranke benötigen einen oder mehrere Rückfälle,
bis sie akzeptieren, dass sie mit Alkohol, Medikamenten oder
Drogen nicht kontrolliert umgehen können.
Die Einsicht suchtkrank zu sein, fällt fast immer schwer und
ist meist mit vielen inneren Kämpfen verbunden.
Ein typisches Ereignis ist, dass ein Suchtkranker ins
Krankenhaus eingeliefert wird und eine Entgiftungsbehandlung
durchgeführt werden muss.
Entzugserscheinungen, wie Zittern, innere Unruhe,
Schweissausbrüche, Gier, starkes Verlangen nach der Droge
klingen bald ab, sofern das Suchtmittel Alkohol war.
(Der Medikamentenentzug dauert länger, eventuell viele
Monate, wenn die Entzugserscheinungen auch immer schwächer
werden). Bald geht es besser, und der Suchtkranke versteht
zunächst überhaupt nicht, warum er z.B. soviel Alkohol
getrunken hat.
Auch wenn man ihm sagt, dass er suchtkrank ist, wird er dies
in der Regel nicht wahrhaben wollen. Der Vorgang der
Entgiftung macht aus jemandem, der nur an sein Suchtmittel
denken musste und diesem in extremer Weise ausgeliefert war,
einen scheinbar gesunden Menschen, der jetzt diesen inneren
Zwang, Suchtmittel konsumieren zu müssen, nicht mehr
verspürt. Er fühlt sich befreit, denn die körperliche
Abhängigkeit ist verschwunden. Jetzt fällt es schwer zu
akzeptieren, dass eine chronische Krankheit vorliegt und
schon geringste Mengen des Suchtmittels nicht nur in die
alten Zustände führen, sondern noch tiefer in die Krankheit,
mit noch dramatischeren Folgen.
Viele Suchtkranke wollen dies nicht glauben, und
versuchen kontrolliert zu trinken. Sie probieren, mässig mit
Alkohol umzugehen. Bald werden die üblichen
Suchtmittelmengen und mehr konsumiert.
Zur Verdeutlichung ein Beispiel:
Verliert jemand auf Grund eines Unfalls ein Bein, so wird er
sich dieser Tatsache ständig bewusst, er kann sie schwerlich
leugnen. Schwieriger ist dies bei der Suchtkrankheit.
Abstinent lebende Suchtkranke spüren nichts mehr von ihrem
Defizit, dem Kontrollverlust. Sie müssen glauben, dass sie
krank sind, obwohl sie ihre Krankheit nicht unmittelbar
wahrnehmen (keine Entzugserscheinungen, keine Gier nach
Alkohol etc.). Um zu dem Glauben und de sicheren Überzeugung
zu gelangen, wirklich krank zu sein, benötigen viele
Suchtkranke die Erfahrung, dass die inneren Mechanismen
stärker sind und jeder Versuch, mässig mit dem Suchtmittel
umgehen zu wollen, unweigerlich scheitert.
2. Die Krankheit muss erarbeitet werden
Dies geschieht zunächst dadurch, dass Betroffene ihre
Krankheit kennenlernen, z.B. über Lesen. Als äusserst
hilfreich hat sich die Arbeit in den Selbsthilfegruppen
erwiesen. Hier trifft der Neuling auf Suchtkranke, die
bereits länger abstinent leben und damit geeignete Vorbilder
sind. Selbst wenn die Krankheit verstandesmässig längst
erkannt ist, glauben viele Süchtige innerlich, dass sie
weiterkämpfen müssen.
Die "Schmach", die sie durch die Krankheit erlitten haben,
meinen sie, wiedergutmachen zu müssen. Sie kämpfen vor allem
mit Schuld- und Schamgefühlen. Dies ist z.B. daran zu
erkennen, dass sie nicht auf die Suchtkrankheit angesprochen
werden wollen. Sie fühlen sich gedemütigt, als Versager und
möchten die Vergangenheit am liebsten vergessen (verdrängen)
nach der Maxime, "das hätte mir nicht passieren dürfen, ich
hätte früher aufhören sollen und können, ich bin selber
schuld:
- weil ich mich habe gehen lassen,
- weil mein Wille nicht gross genug ist,
- usw. usw. ..."
Oder aber es tauchen Gedanken auf, wie:
"Ich darf nicht süchtig sein, da dies nicht zu mir und
meiner Person passt; niemand sonst in meiner Familie ist
suchtkrank, ich bin das schwarze Schaf; ich kann nicht
ertragen, dass Eltern, Geschwister, Freunde wissen, dass ich
süchtig bin."
Ständige Selbstabwertung führt zu Selbsthass. Viele
Süchtige spüren einen permanenten Groll auf sich selbst, auf
alles und jedes.
Die Krankheit gehört jedoch zur eigenen Person wie die Farbe
der Augen und lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Indem
jemand ablehnt krank zu sein, lehnt er auch sich selbst ab.
Dies wiederum führt zu vielen Beeinträchtigungen.
Insbesondere das Selbstwertgefühl wird geschwächt. Häufig
fühlt der Süchtige sich Nichtsüchtigen gegenüber
minderwertig. Für ihn ist Kontakt zu anderen Menschen
anstrengend und wird daher gemieden (soziale Isolation).
3. Der Versuch die Krankheit "wegzuarbeiten"
Ein häufiger Versuch mit den negativen Gedanken und Gefühlen
besser fertig zu werden, zeigt sich oft in extremem
Leistungs- und Arbeitsverhalten. So will der Suchtkranke
beweisen, dass er nicht schlecht ist. Er möchte seine Schuld
"abarbeiten". Er passt sich extrem an und glaubt, durch
überdurchschnittliche Leistungen sein angeschlagenes
Selbstwertgefühl aufrichten zu können. Fest steht, dass auch
die tollsten Leistungen und Erfolge die Tatsache, dass er
süchtig ist, nicht rückgängig machen. Da er dies nicht
spüren darf, muss er immer mehr leisten. Es entsteht ein
typischer Teufelskreis, eventuell Arbeitssucht und damit
neue Abhängigkeit. Dieses Gut-Dastehen-Wollen ist eine
Scheinlösung.
Es bedeutet, dass er sich von Leistung und Anerkennung
abhängig macht:
"Es geht mir gut wenn ich anerkannt werde -
werde ich nicht anerkannt, geht es mir schlecht."
Letztlich bleibt eine permanente mehr oder weniger starke
Unzufriedenheit, die auf Dauer unerträglich ist und häufig
zum Rückfall führt: Ich will dieses quälende Gefühl der
Schuld und Minderwertigkeit endlich loswerden, ich will
endlich beweisen, dass ich stark bin und Alkohol beherrschen
kann.
Selbst nach längerer Zeit der Abstinenz kann die
Krankheitseinsicht verloren gehen, nämlich dann, wenn die
Suchtkrankheit nicht wirklich angenommen wurde, nicht
akzeptiert wurde, und der Betroffene nicht selbst die
Verantwortung für sein Leben übernimmt. So wird er Abstinenz
immer wieder als Verzicht und Unfreiheit erleben. Auch wird
er ständig nach Schuldigen für sein Scheitern suchen (z.B.
Eltern, Partner, Vorgesetzte, wichtige Lebensumstände
.....)
4. Wie kann die Suchtkrankheit sinnvoll in das eigene
Leben integriert werden ?
Wie zu erkennen ist, gelang es bei dem bisher Geschilderten
nicht, die Suchtkrankheit wirklich anzunehmen. Es reicht
nicht aus, nur zu wissen, dass die Krankheit vorhanden ist.
Auch der Patient, der ein Bein verloren hat, leidet solange
an Phantomschmerzen (Schmerzen die da wahrgenommen werden,
wo das verlorene Körperglied war), bis er die innere
Entscheidung getroffen hat, mit der Tatsache der Amputation
leben zu wollen.
Woran ist dieser Schritt zu erkennen ?
Es entsteht eine neugierige, fragende Haltung nach dem
Motto: Warum bin ich suchtkrank geworden? Welche
Schwierigkeiten habe ich mit dem Suchtmittel "zuschütten"
wollen? Welche Gefühle habe ich nicht spüren wollen? Vor
welchen Schwierigkeiten bin ich ausgewichen?
Die Suchtkrankheit wird wichtig, da sie auf persönliche
Probleme des Betroffenen hinweist, die sein Leben begleiten.
Die Krankheit will "wachrütteln" für die eigentlichen
Schwierigkeiten und kann als dringende Aufforderung
verstanden werden, etwas Grundsätzliches im Leben zu
korrigieren.
Häufig sind dies abhängige, falsche oder fehlende
Lebensziele, mangelndes Selbstvertrauen, Überforderungen,
oder es wurde nicht gelernt, sich angemessen zur Wehr zu
setzen und für eigene Bedürfnisse einzutreten, um nur einige
Problembereiche zu nennen. Während der Therapie oder in den
Selbsthilfegruppen lernen Betroffene ihre "Schattenseiten",
aber auch ihre Stärken besser kennen. So kann das Leben als
Lernprozess verstanden werden, der ständig fortschreitet.
Die Krankheit wird nicht mehr entwertet, statt dessen wird
Verantwortung für das eigene Leben übernommen.
Der Philosoph KANT formuliert:
FREIHEIT IST DIE EINSICHT IN DIE NOTWENDIGKEIT.
Rückfall bedeutet zurück in die Unfreiheit.
Abstinenz wird
als etwas sehr Wertvolles betrachtet, für das es sich lohnt,
sich anzustrengen.
5. Was können Angehörige im Falle eines Rückfalls tun ?
Die Überschrift bezieht sich bewusst auf die Frage, was
Angehörige tun können; denn was Betroffene tun könnten, ist
diesen meist bewusst, jedoch leiten sie in aller Regel nicht
die richtigen Schritte ein, dies gehört zum Wesen der
Suchtkrankheit. Rückfällige schämen sich oder leiden an
Selbstüberschätzung, nach der Devise: Ich schaffe es
alleine.
Die allermeisten Suchtkranken kommen erst in Therapie, wenn
der soziale Druck sich entscheidend zuspitzt. Dies ist z.B.
der Fall, wenn der Arbeitgeber die Kündigung in Aussicht
stellt, sofern der Suchtkranke sich weigert, an einer
therapeutischen Massnahme teilzunehmen.
Auch der schlechter werdende körperliche Zustand kann zu
existentiellen Ängsten führen: Wenn ich jetzt nichts
Entscheidendes unternehme, sterbe ich an dieser Krankheit.
Eine Schlüsselrolle kommt den Angehörigen zu, die unbewusst
mit dazu beitragen, den süchtigen Teufelskreis
aufrechtzuerhalten. Sie tragen die Last der Verantwortung,
so dass der Suchtkranke sich letztendlich in scheinbarer
Sicherheit wiegt und weiter vor dem "Abstinentwerden"
zurückweicht.
Hier ist zunächst Aufklärung über die Suchtkrankheit sowie
über das Problem der Co-Abhängigkeit erforderlich. Diese
leisten sowohl Selbsthilfegruppen als auch Beratungsstellen
für Suchtkranke
Zu empfehlen ist der regelmässige Kontakt zu beiden. Gibt
der Suchtkranke seinen Suchtmittelkonsum nicht auf, ist eine
Trennung zu erwägen (keine Drohung), da nur so der
notwendige Druck erzeugt wird. Dies schafft der Angehörige
meist nur mit Unterstützung, da er mit starken Schuld- und
Angstgefühlen zu kämpfen hat. Die Beziehung sollte der
Partner erst wieder fortsetzen, wenn er berechtigterweise
Vertrauen in die Abstinenz haben kann, z.B.:
- weil er sich einer Entwöhnungsbehandlung unterzogen hat,
- regelmässig eine Selbsthilfegruppe besucht und
- in seinem Verhalten Änderungswilligkeit und eine
tatsächliche
Verhaltensänderung zu erkennen sind.
Die Möglichkeit der Hilfe, um aus dem Rückfall auszusteigen,
sind immer vorhanden. Die Frage, ob eine stationäre
Entgiftung im Krankenhaus erforderlich ist, kann ein Arzt
eventuell in Zusammenarbeit mit einem Suchtberater
entscheiden. Neben ambulanter Behandlung und Therapie in den
örtlichen Suchtberatungsstellen ist oft zusätzlich eine
stationäre Entwöhnungsbehandlung erforderlich - sofern
bereits eine Entwöhnungsbehandlung erfolgte, eventuell in
Form "nasser Auffangtherapie" bzw. einer
"Ergänzungsbehandlung". Dies ist möglich, wenn ein Rückfall
nur über einen kurzen Zeitraum andauerte.
Die Behandlungsdauer zwischen 6 und 10 Wochen zielt auf die
Unterbrechung der süchtigen Dynamik sowie auf die
Aufarbeitung der Hintergründe, die zum Rückfall führten.
6. Wie kann dem Rückfall vorgebeugt werden?
Lange vor dem Tun beginnt ein Rückfall mit "nassem" Denken.
Fast immer lassen sich Anzeichen erkenne, die zwar
unterschiedlich sein können, jedoch allesamt auf eine
baldige Rückfälligkeit hinweisen: Rückzug, zunehmende
Isolation, eine sich weiter verstärkende Verstimmung und
Unzufriedenheit, überhebliches Auftreten, häufiges Reden
über Alkohol, Verherrlichung des Suchtmittels,
Verhaltensrückfälle - verhält sich wie "nass", nur ohne
Alkohol (Trockenrausch) u.s.w. ........
Vielfach beginnt der Rückfall damit, dass sich jemand in
falscher Sicherheit wiegt und den Besuch einer
Selbsthilfegruppe einstellt.
Folgende Aspekte sind immer wieder zu bedenken:
a.) Wie bereits beschrieben, muss Krankheitseinsicht
dauerhaft erhalten bleiben,
und die Suchtkrankheit positiv integriert werden. Die
"Lebensversicherung" ist
der regelmässige Besuch der Selbsthilfegruppe.
b.) Von grosser Bedeutung für die Lebenszufriedenheit sind
liebevolle
Beziehungen zu mehreren Mitmenschen (Freundeskreis), zum Partner und
besonders zu sich selbst.
c.) Die aktive Lösung von Konflikten stärkt das
Selbstwertgefühl. Das Ausweichen
bei Schwierigkeiten führt zu Selbstabwertung, tatsächlichen
Nachteilen,
Unzufriedenheit, Resignation etc. ....
Nicht die Schwierigkeiten machen krank und rückfällig,
sondern die Art und
Weise wie man damit umgeht.
d.) Für den Suchtkranken ist es überlebenswichtig, dass er
die Situationen und
Umstände kennt, die seine Abstinenz gefährden, z.B. Erschöpfung,
Leere,
Langeweile, Alleinsein, Verlassenwerden, Depression, Kränkung, Verführung,
nicht NEIN sagen können, Selbsthass etc. ......
Nicht nur belastende Gefühle und Situationen können die
Abstinenz gefährden,
sondern auch der Erfolg, Glück, Euphorie .....
In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass
man nicht alles
alleine schaffen muss. Die Haltung sollte lauten: Ich darf mir
Hilfe holen - wenn
es mir schlecht geht - wenn ich Trinkwünsche habe - wenn ich in
Schwierigkeiten bin .....
e.) Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich für
Suchtkranke ganz
besonders. Die meisten Menschen finden nur oberflächliche Lebensziele
wie:
Konsum, Arbeit, Karriere, Besitz .....
Dabei fordert die Krankheit dazu heraus, das Leben in
anderen, in
umfassenderen Zusammenhängen zu sehen. Die Lebenskrise ist im Grunde
eine Gelegenheit, das Gefühl für die Realität zu erweitern.
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Zitat Andre Gidé:
"Ich glaube,
dass Krankheiten Schlüssel sind, die uns
gewisse Türen öffnen können. Ich glaube, es
gibt gewisse Tore, die einzig die Krankheit
öffnen kann. Es gibt jedenfalls einen
Gesundheitszustand, der uns nicht erlaubt
alles zu verstehen.
Vielleicht verschliesst uns die Krankheit
einige Wahrheiten, ebenso aber verschliesst
uns die Gesundheit andere, oder führt uns
davon weg, so dass wir uns nicht mehr darum
kümmern.
Ich habe unter denen, die sich einer
unerschütterlichen Gesundheit erfreuen, noch
keinen getroffen, der nicht nach irgendeiner
Seite hin ein bischen beschränkt gewesen
wäre, wie solche, die nie gereist sind."
Reisen
kann man nur selbst,
man kann sowenig reisen "lassen",
wie leben "lassen" !
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dieser Artikel wurde geschrieben von Heinz-Peter
Röhr, Pädagoge und Sozialarbeiter, stv. Teamleiter
in der Fachklinik Fredeburg, Schmallenberg,
Sauerland.
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