Thema 'JOINTS'
Ein Joint für die grosse Pause.
Eine neue Drogenwelle bedroht die deutschen Schulen:
Immer mehr Jugendliche und sogar Kinder rauchen Cannabis -
bis zum Totalabsturz.
Seit hochgezüchtetes Power-Kraut geraucht wird, steigt die
Zahl von Schwerstabhängigen mit lebenslangen Psychosen.
Lange hat der blond gelockte Oberschüler aus Böblingen gar
nicht begriffen, was mit ihm los ist. Na ja, er kiffe,
schilderte der 18-jährige seinem ehemaligen Lehrer Andreas
Wiest, den er vertraut und den er um Hilfe bat, aber das sei
"ja nicht so schlimm". Nur sei er morgens zu lasch, um aus
dem Bett zu kommen, also gehe er oft gar nicht erst zur
Schule. Die Noten seien total im Keller. Dem Jungen,
fürchten die, die ihm helfen wollen, ist womöglich gar nicht
mehr zu helfen.
Erst 18 - und fast schon ohne Chance im Leben. So sehen neue
Drogenkarrieren in Deutschland aus.
|
 |
|
Bastian* war zwölf, da drückte ihm in der
Raucherecke auf dem Schulhof einer der Grossen den
ersten Joint in die Hand. Am Anfang war es nur
schön, das Gelb der Blumen war gelber als sonst, und
er genoss die Energie, die er fühlte. Erst wurde
Marihuana fester Bestandteil des Alltags, irgendwann
wurde es der Alltag.
|
|
Heute raucht Bastian den ersten Joint nach dem
Aufstehen.
Einen Entzug hat er hinter sich. Zwei Wochen
Entgiftung, und als das vorbei war, hat er gleich
wieder gekifft. Alles für die Katz.
Eigentlich will er studieren, irgendwas mit
Wirtschaft. Und dann den armen Leuten helfen. Aber
er liegt auf dem Bett, tagaus, tagein, den
Schulabschluss hat er aufgeschoben. "Ich komme nicht
hoch, und diese Antriebslosigkeit hasse ich an mir.
Ich verabscheue mich, sonst würde ich nicht kiffen."
Also raucht er weiter.
Die Eltern, Aufsteiger voller guter Vorsätze - drei
Kinder, drei Autos, teure Reisen - sind ratlos.
Die Mutter, Hausfrau mit Universitätsabschluss,
grübelt darüber, was sie hätte tun können, damit
"die Kinder selbständiger geworden wären". Der Vater
ist verzweifelt: "Bei dem Kind brennen die
Sicherungen durch, und wir können es nicht
aufhalten."
Entsetzt beobachten Eltern und Therapeuten ganz neue
Suchtkarrieren von Jugendlichen, die immer früher
einsteigen und sich mit Haschisch und Marihuana
jahrlang zudröhnen, bis nichts mehr geht. Erst ist
es Spass, dann muss es regelmässig ein Joint vor der
ersten Schulstunde sein. Schliesslich ziehen die
jungen Abhängigen nach jedem Pausenklingeln an der
Haschpfeife, um die nächste Unterrichtseinheit zu
überstehen. Als Suchtexperten in diesem Frühjahr
Hamburger Schüler ab 14 Jahren befragten, gaben 13,4
Prozent an, auf Klassenfahrten gekifft zu haben.
Knapp 7 Prozent benebelten sich vor dem Unterricht
oder in der Pause.
"In den siebten und achten Klassen ist das zurzeit
wie eine Seuche, die um sich greift", klagt der
Pädagoge Thomas Isensee, 61, von der
Martin-Buber-Gesamtschule in Berlin-Spandau. "Da ist
man als Lehrer platt, wenn man feststellt: Es ist
ein Massenphänomen."
Die neue Klientel - Dauerkiffer, die mit 12, 13
Jahren angefangen haben und mit 17 schon tief unten
angekommen sind - beschäftigt jetzt die Psychiater
und Therapeuten von Schleswig bis Tübingen. Rund
15.000 Kiffer wenden sich heute jährlich an
Drogenberatungsstellen, fünfmal so viele wie noch
vor zehn Jahren.
Diese Welle zwingt zur Korrektur
etlicher Irrtümer in Sachen Drogensucht.
|
|
Der Grösste:
Cannabis, die angeblich so harmlose Modedroge dieses
Jahrzehnts, ist weitaus gefährlicher als noch zu
seligen Hippie-Zeiten - sie ist heute etwa fünfmal
so wirksam.
Das hochpotente Kraut Marihuana aus den
Blütenständern oder als Haschisch aus dem Harz der
Hanfpflanze, kann krank machen und im schlimmsten
Fall Karriere und Leben zerstören.
|
|
|
Der Wichtigste: gehascht wird nicht
nur in Privatcliquen, bei Partys oder in Discos.
Tatort ist immer häufiger der Schulhof. In den
Raucherecken wird die Zigarette erstmals mit dem
Joint getauscht, hier wird die Grenze zwischen den
Cliquen der coolen Kiffer und der vermeintlich
langweiligen Abstinenzler gezogen, hier entscheidet
sich, wer "in" ist, und wer draussen bleiben muss.
Der Gruppendruck ist immens. Auf dem Schulhof wird
auch besprochen, wer wo Drogen kauft. Mitschüler
bringen Rationen für ihre Freunde mit und verkaufen
sie auf dem Schulgelände - zu taschengeldkompatiblen
Preisen. Selbst in der tiefsten Provinz gibt es
keine drogenfreie Schule mehr.
Das alte Bild von Christiane F. als Prototyp der
jugendlichen Rauschgiftsüchtigen stimmt nicht mehr.
Die Heroin spritzende "Babynutte" aus "Wir Kinder
vom Bahnhof Zoo" prägt jedoch bis heute das Klischee
von Abhängigen. Unter Drogensüchtigen stellen sich
die meisten Deutschen Kind-Greise vor, die sich am
Bahnhof für den nächsten Schuss prostituieren. Deren
Zahl ist inzwischen deutlich gesunken. Der
vermeintliche Rückgang der Drogensucht ist aber eher
ein Rückzug ins Private. Die neuen jungen Süchtigen
vegetieren in ihrem Zimmer dahin oder hinter den
geschlossenen Türen der Psychiatrien.
Immer mehr Jugendliche, so warnt die
Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion
Caspers-Merk, werfen alles ein, was kommt: Ecstasy,
Amphetamine, psychoaktive Pilze, darauf noch Alkohol
und zu allem den Joint. Wer Pech hat, den quälen
nach solchen Exzessen oder auch nur dem häufigen
Inhalieren von Cannabis-Rauch Wahnvorstellungen: Auf
einmal krabbeln Spinnen im Kopf herum, schneidende
Stimmen erteilen absurde Befehle. Dann geht es in
die Jugendpsychiatrie, geschlossene Abteilung - oft
für mehrere Monate.
Wissenschaftler hegen den Verdacht, dass die Droge,
die landläufig als harmloses Naturprodukt gilt, in
seltenen Fällen sogar Schizophrenien auslösen kann.
Die Cannabis-Opfer sind Opfer eines Irrtums der
Gesellschaft geworden: Unverdrossen wird, etwa von
der einstigen Grünen-Chefin Petra Roth, für die
Legalisierung der Droge getrommelt, manche Eltern
erinnern sich bei süsslichem Geruch im Kinderzimmer
versonnen an ihren eigenen ersten Joint, damals,
'68, und die Sprösslinge versichern treuherzig:
"Alkohol ist viel gefährlicher."
Tatsächlich sind auch die Probleme mit legalen
Drogen massiv gewachsen: Immer mehr Jugendliche
trinken sich jedes Wochenende ins Koma.
Nach einer Studie der Gmünder Ersatzkasse wurden im
vergangenen Jahr rund 10.000 Jugendliche meist nach
Trinkgelagen in Kliniken behandelt - mehr als
doppelt so viele, wie noch vor zehn Jahren. So
bescherte eine Party mit 500 Abiturienten von fünf
Gymnasien im nordrhein-westfälischen Düren dem
örtlichen Malteser-Hilfsdienst einen unvergessenen
Abend: "Wir waren zwar mit einem Krankenwagen und
einem Rettungswagen im Dauereinsatz", berichtet
Bezirksgeschäftsführer Bernhard Stein, "aber das
reichte leider nicht."
In Deutschland, warnt Martin Jung, einer der
Chefärzte der Schleswiger Klinik für Kinder- und
Jugendpsychiatrie, werde zu oft toleriert, dass
Kinder Drogen nehmen. "Wir als Gesellschaft drücken
uns um einen klaren Standpunkt. Dürfen Kinder kiffen
oder sich betrinken ? Und ab wann müssen sie selbst
wissen, was sie tun?"
Hätte Samantha, Grundschülerin aus einem kleinen
Dorf in der Nähe der dänischen Grenze, selbst wissen
müssen, was sie tat ? Als sie mit neun den ersten
Wodka kippte ? Und mit elf täglich kiffte ?
"Im Ort war es ganz leicht, an Stoff zu kommen,
schliesslich kennt man sich ja", sagt sie. Als das
Taschengeld nicht reichte, raubte sie Schulkameraden
Handys und Anoraks. Auf dem Schulhof verkaufte sie
Cannabis an Gleichaltrige. Die Eltern: mit sich
beschäftigt, weil der Vater nach einem Unfall im
Rollstuhl sass. Die Schulkonferenz: tagte ohne
Ergebnis.
Irgendwann probierte Samantha Ecstasy, dann Kokain.
Aufgegriffen wurde sie erst, als sie sich Männern
anbot, bei den "Ladies Nights" in Flensburger
Discotheken, wenn Frauen freien Eintritt haben. In
der Hamburger Suchtklinik "Come In" ist das
15-jährige Mädchen nun zum ersten Mal seit fünf
Jahren clean. |
|
|
Claas, 19, ist dagegen erst
mit 16 Jahren eingestiegen, spät eigentlich.
Der
hyperaktive Schüler war ein Aussenseiter. Bekannte
hätten ihm, sagt Claas, dann zugeraunt, dass "Kiffen
voll beruhigt".
Bald rauchte Claas bis zu sechs Gramm am Tag.
Auf dem Weg zum Bus den ersten Joint. Im Bus baute
er den nächsten.
An viel mehr kann er sich nach drei Jahren im
Dauersmog nicht erinnern. Seit drei Monaten
trainiert er in der Suchtklinik für Jugendliche im
niedersächsischen Ahlhorn für ein neues Leben.
|
|
Solange aber noch
alles halbwegs gut geht, gelten die Kiffer etwas in
der Rangordnung auf dem Schulhof. "Erfahrungen mit
Drogen", sagt Sozialarbeiterin Barbara K., die an
einer Hauptschule im Osten Berlins arbeitet,
"gehören hier einfach zum guten Ton." Meist dauere
es "nicht länger als ein halbes Jahr", bis die
Schüler gemerkt hätten, dass es "überhaupt kein
Problem ist, das in der Schule zu bekommen". Sie
schätzt den Anteil der Cannabis-Raucher unter den
Schülern auf mindestens die Hälfte.
Olli, 16, aus Leipzig zog schon als Viertklässler in
der Grundschule an seinem ersten Joint.
Ein Mitschüler hatte die Tüte mitgebracht. Drei
Jahre später, auf dem Gymnasium, rauchte er
schon regelmässig.
Er traf sich mit seinen Kumpels kurz vor acht am
Schulhof für den ersten Joint. Den nächsten gab es
dann in der grossen Pause, in der Raucherecke.
"Heutzutage ist das normal", sagt er, mindestens ein
Drittel seiner Mitschüler habe regelmässig gekifft.
"Das war meine Clique, das waren die coolen Leute."
Die Lehrer ?
Der 20-jährige Abiturient Sebastian, der in der Nähe
der holländischen Grenze zur Schule gegangen ist,
erinnert sich anerkennend an die beiden Mitschüler,
die es geschafft hatten, innerhalb von nur zwei
Freistunden über die Grenze z fahren, sich dort
Haschisch zu besorgen und anschliessend völlig breit
wieder im Unterricht zu erscheinen. "Das fanden alle
cool."
Eine 16-jährige Gymnasiastin aus Berlin-Lichtenberg
sagt, natürlich wüssten die Klassenkameraden genau,
wer auch in der Schule zum Joint greife: "Man sieht
doch, dass die benebelt sind. Die kichern dann rum
und brauchen lange, um as zu kapieren."
Was die Elftklässler in Jeans und T-Shirts vorhaben,
die in der grossen Pause vom Schulhof der Berliner
Georg-Christoph-Lichtenberg-Oberschule tigern, ist
ebenfalls klar.
Schnell verschwinden sie Richtung Spielplatz. Mit
ein paar professionellen Handgriffen setzt einer die
Bong as blauem Acryl zusammen. Die Jungs heizen
reihum mit dem Feuerzeug die Wasserpfeife, nehmen
einen tiefen Zug und halten die Luft an, solange es
geht. In den Freistunden seien sie hier manchmal zu
zehnt, sagt einer.
|
 |
|
Es ist 09:59 Uhr,
als die Pfeife wieder im Rucksack verschwindet. in
einer Minute fängt die Deutschstunde an.
Vor solchen Zuständen verschliessen Schulleiter gern
die Augen. Vor wenigen Wochen forderte der
bayerische Landtagsvizepräsident Peter Paul Gantzer
(SPD) sogar Kultusministerin Monika Hohlmeier auf zu
intervenieren. Bayerische Schulleiter, so Gantzer,
weigerten sich, bei der Drogenaufklärung mit der
Polizei zusammenzuarbeiten, wohl weil sie um den Ruf
ihrer Schulen fürchteten.
|
|
Und als der
Drogenarzt Alexander Diehl, zuständig für eine
Spezialambulanz am Mannheimer Institut für Seelische
Gesundheit, in Schulen vor Partydrogen warnen
wollte, musste er, "regelrecht Klinken putzen". Kein
Schulleiter habe mit einer Präventivveranstaltung in
der Zeitung stehen wollen.
Was ans Licht kommt, wenn jemand mal wirklich
hinschaut. erfuhr Dieter Eberhard, Schulleiter der
Kepler-Hauptschule in Freudenstadt, in der Provinz
im Schwarzwald.
Fünftklässler hatten im Herbst 2001 beobachtet, wie
ein 14-Jähriger auf dem Klo Marihuana an einen
Mitschüler verkaufte. Sie meldeten das dem
Schulleiter, und der rief die Polizei. Die Beamten
fanden in der Unterhose des Jungdealers sieben Gramm
- und zu Hause in dessen Kinderzimmer noch mehr als
ein halbes Kilo. Der Junge gestand und nannte Namen.
Binnen Wichen ermittelte die Polizei gegen 217
Verdächtige. Viele von ihnen waren Schüler, fast
alle Lehranstalten des Kreises waren betroffen. Etwa
ein Drittel der Schüler, fanden die Ermittler
heraus, dealte - um den eigenen Konsum zu
finanzieren.
Der Schulhof ist damit zu einer Art Binnenmarkt für
das Geschäft mit der Droge geworden. "Das Bild des
bösen Dealers, der sich im Umfeld der Schulen
herumtreibt und Kinder anfixt, stimmt nicht", sagt
Kriminaloberrat Torsten Wittke, Leiter des
Rauschgiftdezernats am Polizeipräsidium München.
Die geschlossene Kiffergesellschaft vom Schulhof
garantiert marktgerechte, der Kaufkraft der Kunden
angepasste Preise. Ein Gramm Gras kostet etwa sechs
Euro, eine Tablette Ecstasy fünf Euro. Direkt vor
dem Schulgebäude habe sie von Mitschülern schon oft
Drogen angeboten bekommen, erzählt eine 14-Jährige
aus der achten Klasse der Realschule
Unterpfaffenhofen, einer ganz normalen Schule am
westlichen Stadtrand von München.
Natürlich Hasch, fertige Joints und sogar Koks. Die
Dauerkiffer würden sich ihre Rationen am Münchner
Ostbahnhof besorgen, und was übrig bleibe, schon mal
weitergeben. Ein Mädchen aus ihrer Klasse komme fast
jeden Tag bekifft in die Schule. "Sie sagt, sie
braucht das."
"Man ist für diese Problemlage nicht gerüstet",
klagt Gesamtschullehrer Isensee, der sich redlich
abmüht, mit seinen Schülern im Gespräch zu bleiben.
"Aber wie soll man das machen in einer achten Klasse
? Der eine raucht, der andere säuft, der nächste
randaliert, und der vierte kifft nun auch noch. Wie
viele Elterngespräche wollen Sie führen ?"
Und überhaupt, die Eltern. Isenee hat an seiner
Schule schon so ziemlich alles erlebt: Väter, die
auf den Drogenkonsum der Söhne angesprochen,
Verleumdungsanzeige stellten. Einer, selbst Kiffer,
hatte dem Sohn die Joints eigenhändig gedreht.
Andere versuchten, die Sucht aus ihren Kindern
herauszuprügeln. In jedem Fall bringt es dem Lehrer
ärger, den Verdacht auf Drogen auszusprechen: mit
der Schulleitung, dem Schüler, den Eltern. "Die
Lehrer brauchen klare Handlungsanweisungen", betont
Thomas Bader, Geschäftsführer der Drogenhilfe
Tübingen. Weil sie die nicht hätten, würden viele
lieber schweigen und die zugedröhnten Kinder an die
nächste Instanz entsorgen.
|
|
So ist es Thomas S. aus Berlin
ergangen. Der schlaksige Junge mit Baggypants und
Schirmmütze ist 16, er hat keinen Abschluss, keine
Perspektive. Als er aufs Gymnasium kam, nahm er bald
Speed, kokste, ass Psychopilze, alles vor seinem 14.
Geburtstag. Vor allem aber kiffte er.
Wenn er nachmittags Schulaufgaben machen sollte,
rauchte er stattdessen eine "Tüte" und verschob
alles weitere auf den Abend. "Abends war ich dann
aber auch fett und hab's auf morgen verschoben.
|
|
|
Und das ist klar:
Wenn man nicht lernt, kommen schlechte Noten dabei
raus". Ein Gespräch mit den Eltern ? "Gab es nicht",
sagt Thomas. "Nur halt blaue Briefe". Zweimal
wiederholte er eine Klasse, dann flog er von der
Schule.
In der Realschule schwänzte er den Unterricht immer
häufiger. Einmal informierten die Lehrer die Eltern,
dann war nach einem halben Jahr auch dort Schluss.
Die Malerlehre dauerte nur zwei Monate: "Abends hab
ich mich immer zugeraucht, und morgens hätte ich um
halb sechs aufstehen müssen. Da bin ich einfach
nicht rausgekommen." Jetzt macht er gar nichts mehr
- er kifft nur noch. Die Drogenberater an der Basis
registrierten den neuen Trend als Erste. Leute wie
Hans Heuberger, zuständig für die Beratungsstelle
Streetworker in Herrenberg bei Stuttgart.
"Vor ungefähr acht bis neun Jahren" habe er erste
Anzeichen der Cannabis-Welle entdeckt, "die uns
heute überrollt". Ihm und seinen Kollegen seien
immer häufiger Abhängige mit Krankheitsbildern
begegnet, "die wir so nicht gekannt haben". Theo
Baumgärtner, Soziologe im Hamburger Büro für
Suchtprävention, bestätigt: "Die Droge der Siebziger
war Heroin, in den Achtzigern kam Kokain, in den
Neunzigern Ecstasy, und in einem Jahrzehnt ist
Cannabis die Droge überhaupt."
Nach einer Studie der Bundeszentrale für
Gesundheitliche Aufklärung hat mehr als jeder vierte
Jugendliche in Deutschland schon illegale Drogen
genommen, fast immer Marihuana oder Haschisch. 1993
war es nur jeder sechste. "Extrem" seien die
Probleme mit jugendlichen Cannabis-Konsumenten,
warnt die Bundesdrogenbeauftragte Marion
Caspers-Merk. "Bei keiner Droge gibt es höhere
Zuwachsraten."
Dabei stehen die Deutschen mit dem Problem nicht
allein: Die Haschwolke wabert über den ganzen
Kontinent. Fast überall in Europa stieg der
Cannabis-Konsum der 15- und 16-Jährigen in den
vergangenen Jahren an, teils rapide. Ebenso wuchs
die Zahl der Abhängigen, die um Behandlung baten,
wie das Münchner Institut für Therapieforschung
ermittelte.
Besondere Sorgen machen den Suchtexperten die so
genannten Hardcorekiffer und schlucken. Nach einer
Untersuchung des Drug Research Center der
Universität Frankfurt hat die Hälfte aller
Frankfurter Schüler schon mal Cannabis probiert, ein
Fünftel konsumiert aktuell, vier Prozent der Schüler
inhalieren den süsslichen Nebel sogar täglich - nach
Kriterien schwedischer Drogenexperten würden sie als
schwerstabhängig gelten.
Starke Kiffer fangen auch sehr früh an -17 Prozent
der Frankfurter Cannabis-Konsumenten drehen sich den
ersten Joint, bevor sie 14 Jahre alt sind,
schliesslich ist der Stoff selbst für Kinder überall
verfügbar. Häufig entwickeln sie dann "harte, ganz
neue Konsummuster", sagt Drogenforscher Baumgärtner.
"Mit dem Zelebrieren des Joints, wie es früher war,
hat das nichts mehr zu tun. Denen geht es nur noch
ums Dauerbedröhntsein."
Für die 68er war das Kiffen noch Ausdruck eines
Protests gegen die Leistungsgesellschaft, ein
politisches oder zumindest doch politisch gemeintes
Aufbegehren und damit eine Auseinandersetzung mit
der Welt. Die heutigen Konsumenten sind viel jünger
und wollen vor allem eins: schnellstmöglich aus der
Welt flüchten. |
 |
Der Hamburger
Abiturient Amon Barth schreibt, das Kiffen sei wie
"eine Maske, von der man sich verspricht, sie könne
all das überdecken, was man nicht sein will. Und all
das vollbringen, was man ohne sie nicht erreichen
würde". Wenn solche Kiffer dann auch noch Alkohol
konsumieren, oder Ecstasy einwerfen, "stürzen sie
schneller ab als mit Heroin", sagt Rainer Thomasius.
Leiter der Drogenambulanz am Hamburger
Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Dauere es bei
Opium-Abhängigen sieben bis acht Jahre, bevor sie
sich in die Therapiestellen schleppten, tauche die
neue Klientel oft schon nach drei Jahren auf. Schule
abgebrochen, null Bock auf gar nichts, das Leben ein
undurchdringlicher Nebel. Die Chancenlosigkeit ist
auch eine Folge technischen Fortschritts. Das Kraut
für den deutschen Markt kommt heute meist aus
holländischen Gewächshäusern.
|
|
Beliebt ist die Sorte
"Super Skunk". Die hochgezüchteten Pflanzen werden
mit Hilfe von Hochfrequenzlampen,
Bewässerungscomputern und Düngemitteln produziert.
Sie haben kaum noch etwas gemein mit den
Balkonpflanzen der Hippies.
Damals lag der Anteil des berauschenden Wirkstoffs
Tetrahydrocannabiol (THC) in der Pflanze bei 2 bis 3
Prozent. Der Durchschnittsgehalt des Stoffs, der
2003 in Hamburg sichergestellt wurde, betrug dagegen
fast das Fünffache, 10,8 Prozent.
Marihuana mit einem Wirkstoffgehalt von 20 Prozent
ist keine Seltenheit mehr, so Helmut Süssen, Leiter
der Abteilung Strassendeal beim Hamburger
Rauschgiftdezernat.
Der Stoff wirke bei den Pennälern natürlich ganz
anders, als die Mickerpflanzen aus Papi's
Studentenzeit. Selbst bestes Haschisch aus
Afghanistan - der in den Siebzigern berühmt-
berüchtigte "Schwarze Afghane" - brachte es auf
maximal 8 Prozent.
Damit der Stoff schneller ins Hirn schiesst, sind
Wasserpfeifen ("Blubber") beliebt, bei denen der
Rauch abgekühlt wird. Noch härter wirkt die bong -
eine Art gross geratene Pfeife, mit deren Hilfe
konzentrierter Rauch schlagartig in die Lunge gerät.
Supermärkte für Kiffer, so genannte Head Shops,
bieten ein ganzes Suchtsortiment. Denn der Stoff ist
illegal, nicht aber das Zubehör. Im Asia Head Shop
am Berliner Alexanderplatz kann die oft
minderjährige Kundschaft wählen: Bongs mit vier
Mundstücken zum Gesellschaftskiffen, ein
Totenschädel aus Keramik mit zwei Ansaugstutzen in
den Augenhöhlen oder die daumengrosse Holzpfeife für
3,90 Euro, die passt in jede Schultasche.
Wem das noch zu teuer ist, der bastelt sich aus
einer aufgeschnittenen Plastikflasche und einem Eimer
selbst eine Turbopfeifer. "Eimerrauchen" heisst das
im Schülerjargon. "Die Anflutgeschwindigkeit des
Wirkstoffs gibt so einen Kick, dass Konsumenten
häufig einfach umkippen", sagt Karin Wied, ärztin
und Psychotherapeutin in der Fachklinik Bokholt in
Schleswig-Holstein, in der Cannabis-abhängige Kinder
und Jugendliche entgiftet werden.
Wie aber soll angesichts der gesellschaftlichen
Akzeptanz, die das Besorgen der Utensilien immer
noch so einfach macht wie den täglichen
Brötchenkauf, ein Problembewusstsein wachsen ?
Wie sollen Kiffer, die immer jünger einsteigen,
entscheiden, ob nun die Befürworter oder die Gegner
von Cannabis Recht haben ?
Da erklärt etwa der Gesundheitswissenschaftler
Dieter Kleiber von der Freien Universität Berlin,
Gutachter für die Bundesregierung, die
"pharmakologischen und psychosozialen Folgen des
Cannabis-Konsums" seien nach seinen Studien "weit
weniger dramatischer als bisher angenommen". Auch
die "Annahme, dass der Konsum von Cannabis dabei
eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit
nach sich zieht, liess sich nicht beweisen".
|
 |
In der Jugendkultur
ist der Hanfglaube längst etabliert. TV-Ulker Stefan
Raab singt "Gebt das Hanf frei", nach einem Zitat
des grünen Bundestagsabgeordneten Christian
Ströbele, der auf einer Demonstration die Freigabe
beschlagnahmter Hanfpflanzen forderte. Aber egal, ob
nun die Hanfparade durch Berlin rollt oder im Film
"Lammbock" mit Jungstar Moritz Bleibtreu das Kiffen
gleich die Hauptrolle spielt - die rund 15.000
jungen Menschen, die jedes Jahr wegen ihres Kiffens
Hilfe suchend in Beratungsstellen kommen, werden
einfach vergessen.
|
|
5.000 von ihnen sind schwere Fälle: Cannabis-Wracks,
die bis zu zehn Joints am Tag rauchen, wie
Roland Simon vom Münchner Institut für
Therapieforschung herausfand. Die Dunkelziffer der
Hilfebedürftigen sei weitaus höher, sagt Simon: "Aus
Studien wissen wir, dass nur 14 Prozent der
Cannabis-Abhängigen Hilfe in Anspruch nehmen." Für
diese Abhängigen ist es auch kein Trost, dass mehr
als 90 Prozent der Cannabis-Probierer und sogar die
meisten regelmässigen Kiffer ohne grössere Probleme
wieder von dem Kraut loskommen. In Hamburg sorgt
seit Februar der Englischlehrer R. H. (Name der
Redaktion bekannt) von
der Ida-Ehre-Gesamtschule für Aufsehen. Er kämpft
auf seiner Internetseite für die "Legalisierung von
Cannabis als Genussmittel". Seine Dienstherrin, die
parteilose Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig,
hält aber schon die Debatte für schädlich, "weil sie
die Droge verharmlost und zu einer tolerierten Norm
macht": Doch eine Handhabe gegen ihn gibt es
nicht.
Die scheinbar unausrottbaren Cannabis-Mythen
verhindern denn auch das Entstehen eines
Unrechtsbewusstseins. Auf der Davidwache an der
Reeperbahn, berichtet Helmut Süssen vom Hamburger
Rauschgiftdezernat, würden immer wieder "junge Leute
mit brennendem Joint aufkreuzen", um etwa einen
Diebstahl anzuzeigen.
Dennoch überraschte die Sozialwissenschaftler des
Frankfurter Drug Research Center. in welchem Ausmass
Jugendliche Cannabis verherrlichen. Die Schüler
beurteilen das Kraut positiver als Alkohol und
Tabak. Es sei vor allem "friedlich", "inspirierend"
und "natürlich". Ein derart "unkritischer Umgang",
beklagten die forscher, müsse ja "zum Ausblenden
möglicher Konsumrisiken" führen. Auch unter
Drogenberatern setzt sich erst langsam die
Erkenntnis durch, dass es nicht ums Aufrechnen geht
(Zigaretten bringen jedes Jahr 110.000 Menschen um,
Alkohol tötet 40.000 ), sondern um unterschiedliche
Gefahren, etwa dass Cannabis nicht direkt tödlich
ist, aber schon in jungen Jahren Lebenswege
zerstört.
Die tief sitzende Verharmlosung macht eine
Prävention nicht gerade einfach. Was alles probiert
wird, zeigt das Beispiel Hamburg, wo
- in einigen Schulen, etwa an der Haupt- und
Realschule Königstrasse, die
Raucherecken schon abgeschafft sind; Senatorin Dinges-Dierig will sich dafür
einsetzen, das Rauchen auf allen Schulhöfen zu verbieten;
- Lehrer in Kursen lernen können, Kiffer frühzeitig
zu erkennen und in Gesprächen
mit den meist verstockten Cannabis-Rauchern den richtigen Ton zu treffen;
- immer häufiger zur Abschreckung die Kooperation
mit der Polizei gesucht wird.
So nahmen Drogenfahnder einen dealenden Schüler
mitten im Unterricht fest oder harkten als Gärtner
verkleidet den Rasen, um dann demonstrativ beim
Joint-Handel zuzuschlagen.
|
|
 |
Das ist alles schon weitaus
konkreter, als es die bisherigen
Präventionskampagnen - darunter auch millionenteure,
aber hilflose Appell "Keine Macht den Drogen" -
jemals waren.
Der Psychologe Michael Klein von der Katholischen
Fachhochschule Nordrhein-Westfalen nennt all die
Versuche "über Jahrzehnte praktizierte Irrungen und
Wirrungen, die ein wahnsinniges Geld gekostet
haben".
Derzeit soll den Schülern mit "Klasse 2000", dem
grössten Vorsorgeprojekt für Grundschüler der
Republik, Lebenskompetenz vermittelt werden, wie es
im schönsten Präventionsdeutsch heisst. Deshalb
tingeln "Gesundheitsförderer" durch die ersten
Klassen und gehen mit den Kindern etwa auf imaginäre
Abenteuerreisen.
Für die Experten der Deutschen Hauptstelle für
Suchtfragen bleibt die aktuelle Prävention jedoch
"ein Flickenteppich aus Feigenblättern".
So werden auch weiterhin ratlose und entsetzte
Eltern im kleinen Therapiezimmer von Udo Küstner in
der Drogenambulanz des UKE sitzen und nach dem
'Warum' fragen. Meist geben sie der Clique und
falschen Freunden die Schuld an der Drogensucht des
Sprösslings. Die Wahrheit, die Küstner ihnen dann
sagen muss, ist schwerer zu ertragen.
"Sicherlich können Jugendliche zufällig an Drogen
gekommen sein. Aber sie werden nicht zufällig
abhängig".
Damit umschreibt Küstner, dass Sucht meist viele
Ursachen hat, darunter etliche, die von den Eltern
beeinflusst werden:
die Lebensumstände der Jugendlichen, ihre Erziehung
und in grossem Masse auch psychische Probleme, die
nicht erkannt und behandelt wurden. "80 Prozent der
Patienten", glaubt Chefarzt Martin Jung, "liegt der
Sucht eine andere psychische oder soziale Störung zu
Grunde".
Selbstbewusste Jugendliche, die keine Angst vor dem
Leben haben, werden selten drogenabhängig. Wer aus
reiner Experimentierfreude oder Partylust kifft,
verliert meist schnell den Spass daran und wendet
sich wieder seinen Interessen und Zielen zu - selbst
wenn er bis dahin zeitweise mehr oder weniger
regelmässig gehascht hat. Experten sind sich einig,
dass Sucht kein hauptsächlich körperliches Problem
ist.
UKE-Psychiater Thomasius schätzt, dass "bis zu fünf
Prozent der aktuellen Cannabis-Konsumenten abhängig
sind". Viele leiden dann auch unter Entzugssymptomen
wie Schlafstörungen, innerer Unruhe und
Schweissausbrüchen. Vor allem aber plagt sie eine
unstillbare Gier nach dem Stoff, die sie, gegen alle
Vorsätze und Vernunft, wieder zugreifen lässt. Als
Abhängig gilt, wer trotz schädlicher Folgen nicht
aufhören kann, wer immer mehr Stoff braucht,
um noch eine Wirkung zu erzielen, und wer wichtige
Dinge einfach vernachlässigt.
Es trifft vor allem die unsicheren oder besonders
empfindsamen Kinder, die einsamen oder die unter
Druck gesetzten. Die Droge bietet ihnen die Chance,
ihre Schwächen zu tarnen und dazugehören zu können.
Um jeden Preis.
Die Teenies, sagt die Kindertherapeutin Gisela
Beckmann-Többen, versuchten, mit Drogen "zu
lindern".
|
|
Die Flucht in den Rausch
sei Ersatz für die Hilfe, die sie in oft "emotional
veramten Familien" nicht fänden. Deshalb werden in
der Drogenambulanz der Hamburger Uni-Klinik die
Eltern wenn möglich mittherapiert. Der Psychologe
Thomasius ("Es gibt kein seelisches Leid ohne
Bindungsstörungen zu Vater und Mutter) legt Wert
darauf, die Ursachen der Sucht zu beseitigen, wenn
diese erst einmal halbwegs unter Kontrolle ist.
Der familientherapeutische Ansatz ist ungewöhnlich.
Oft akzeptieren Psychiatrien keine Abhängigen als
Patienten - und Suchtkliniken keine psychisch
Kranken. Bei jugendlichen Süchtigen aber
verschwimmen diese Grenzen, und das verhindert
häufig eine umfassende Behandlung.
|
 |
|
So landete Maximilian*, 21, Anwaltssohn aus
Hamburg-Blankenese, erst nach einer Odyssee durch
mehrere Psychiatrie-Stationen in der Drogenambulanz.
Der junge Mann erlebte seinen ersten Rausch mit 15
auf einem HipHop-Jam an der
Schule. Er rauchte Gras aus der Bong, "zwei Köpfe",
trank dazu eine halbe Flasche Wodka. Dass er das
Bewusstsein verlor - "egal". Dass er danach zur
Clique gehörte - "das war 'ne wichtige Sache".
Es war sogar unendlich wichtig für einen wie ihn.
Weil er als Kind ein bisschen zu dick war, hatte er
sich auffällig zurückgehalten, hatte im Sport lieber
durch Schwänzen eine Sechs kassiert, als sich vor
den Mitschülern zu blamieren. Mit zwölf hing er
trüben Gedanken nach, geplagt von Selbstzweifeln,
die manchmal den Wunsch weckten, sich umzubringen.
Dass ihn Depressionen peinigten, begriff keiner in
seinem Umfeld. Er selbst merkte mit 15 nur: Kiffen
hilft.
|
 |
Es schaltete das Grübeln aus,
die Probleme "waren aushaltbarer". Richtig bergab
ging es, als er Kontakt zu einem Nachtclubbesitzer
knüpfte, für den er Internet-Seiten programmierte.
Bezahlt wurde er nicht mit Geld, stattdessen erhielt
er Zugang zu einer neuen Welt: "Gästelisten,
VIP-Bereich, umsonst trinken". Irgendwann schnupfte
er Kokain, "durch einen 500-Euro-Schein". Endlich
keine Angst mehr, endlich dazugehören, endlich super
drauf sein.
|
Es war "der coolste Abend, den ich in meinem
Leben erlebt habe".
Als der Rausch nachliess, waren die Depressionen
umso schlimmer. Maximilian kiffte dagegen an. Und
gegen den lähmenden Kiffernebel kokste er. Bald lag
er nur noch auf der Matratze. Irgendwann sah er
Figuren an der Wand tanzen. Er landete in der
geschlossenen Psychiatrie. Die Therapie:
Medikamente, sonst nicht viel. Nach einem Monat war
er so deprimiert, dass er sich umbringen wollte.
Also, eine neue Station, neue Ärzte. Und
Mitpatienten, mit denen er nichts anfangen konnte.
"Das waren nur Leute, die sagten, sie seien Ali Baba."
Wieder eine andere Klinik. "Statt Gesprächen mit
Therapeuten gab es Gymnastik und 'Malen nach Zahlen'
". Maximilian floh bald zu Gras und Koks zurück.
Erst dann kam er zu Thomasius. Seit zwei Monaten ist
er clean. Er nimmt Anti-Depressivum. Er macht eine
Lehre. Er geht schon wieder aus - ohne Drogen. Aber
vorbei ist es noch lange nicht: Blad wird er wieder
für mindestens ein halbes Jahr in die Psychiatrie
gehen. Aufholen, was er in sechs Jahren verpasst
hat. "Ich muss erwachsenes Verhalten lernen", sagt
er. "Ich bin immer noch ein Kind, das schnell an den
Lolli will."
Dass die minderjährigen Cannabis-Wracks als
Kollateral-Schäden einer liberalen Gesellschaft in
Kauf genommen werden müssen, wollen immer weniger
Experten akzeptieren. Erklärtes Ziel aller müsse
sein, sagt Fachmann Baumgärtner, "Den Einstieg in
die Droge hinauszuzögern. Im Grunde zählt jedes
gewonnene halbe Jahr". Dies gelte besonders für das
Tabakrauchen, das Experten für die Einstiegsdroge
schlechthin halten.
Nach einer Studie Baumgärtners, die in dieser Woche
veröffentlicht wird, kiffen unter Schülern nur 2
Prozent der Nichtraucher, aber 38, 4 Prozent der
regelmässigen Raucher. Deshalb gelten
Anti-Rauch-Kampagnen auch als Cannabis-Prävention.
Ein jugendliches Gehirn, das sehr früh mit
Rauschmitteln bombardiert werde, so die Erkenntnis,
werde regelrecht auf Sucht programmiert. Je später
also Kinder eine Droge ausprobieren, umso grösser
die Chance, ohne Sucht davonzukommen. Ob Jugendliche
den ersten Joint " ..... mit 15 oder 18 Jahren
rauchen, ist sogar ein gewaltiger Unterschied", sagt
Thomasius.
Er möchte die "Hasch ist harmlos"-Front mit
wissenschaftlichen Analysen aufweichen.
|
 |
Ecstasy, das steht
inzwischen fest, schädigt die Synapsen des
Gehirns dauerhaft. Selbst fünf Jahre nach
der letzten Pille, ist das Denken immer noch
behindert. Wie das beim heutigen
Power-Marihuana sei, sagt Thomasius, "weiss
man schlicht noch nicht". Deshalb will er
erforschen, ob auch bei notorischen Kiffern
die Hirnmasse sichtbar beschädigt wird.
Erste Ergebnisse aus Tierversuchen lassen
zumindest für Gehirne von Pubertierenden das
Schlimmste befürchten. Bremer Forscher
spritzten jugendlichen und erwachsenen
Ratten täglich den Wirkstoff THC, etwa so
viel, wie ein Joint enthält. Die erwachsenen
Tiere verhielten sich normal, die pubertären
waren unaufmerksam und antriebslos -
Verhaltensweisen, die auch Menschen mit
Wahnideen zeigen. Die Jungratten wurden erst
wieder normal, als sie ein Neuroleptikum
bekamen. Eine Medikamentengruppe, die bei
Schizophrenie eingesetzt wird.
Der Versuch bestätigt jene Wissenschaftler,
die schon heute Cannabis-Konsumenten vor den
verheerendsten Folgen warnen, die denkbar
sind. 10 bis 20 Prozent der regelmässigen
Konsumenten leiden unter Psychosen", schätzt
Professor Martin Hambrecht von der Klinik
für Psychiatrie Psychotherapie am
Krankenhaus Elisabethenstift in Darmstadt.
Bei Psychosen treten Wahnvorstellungen auf,
erst Wochen nach dem Konsum und manchmal
monatelang. Sie können wiederkommen, das
ganze Leben lang.
Als gesichert gilt: Wer in der Jugend viel
Haschisch oder Marihuana raucht, hat eine
mindestens doppelt so hohe Chance, später an
Schizophrenie zu erkranken. Noch wird darum
gestritten, was Ursache und was Wirkung ist.
Greifen psychisch Kranke zu Cannabis, um
unbewusst erste Symptome ihres Leidens zu
bekämpfen ?
Oder verursacht das Kraut erst die Krankheit
? Eine kürzlich in England erschienene
Studie des King's College, London, kommt zu
dem Ergebnis, dass acht Prozent aller
Schizophrenien durch Cannabis-Konsum
ausbrechen.
Ungefähr tausend Menschen, die sonst gesund
geblieben wären, erkranken jedes Jahr an der
unheimlichen Krankheit weil sie kiffen,
rechnet Forscher Hambrecht diese Zahlen auf
Deutschland um. Tausend Menschen, die kaum
mehr ein normales Leben führen können. Zehn
Prozent der Erkrankten, so die Statistik,
begingen Suizid.
Die Jugendlichen setzten "ihre ganze
Existenz auf's Spiel", sagt der Schleswiger
Kinderpsychiater Martin Jung, und
"unglücklicherweise kann man nicht
vorhersagen, wen es trifft".
30 Betten seiner Abteilung sind ständig mit
psychiotischen Kindern belegt.
Manche würden ihre eigene Mutter für ein
Monster halten, andere glauben, dass der
Fernseher ihnen Befehle gegeben habe. Bei
vielen sieht Jung auch "ein erhöhtes Risiko,
sich vor einen Zug zu werfen, von einer
Brücke oder aus dem Fenster zu springen".
Wie quälend solche Wahnvorstellungen sind,
weiss eine Mutter aus Hamburg-Blankenese,
die unter dem Pseudonym Lisa Lindberg ein
Ratgeberbuch für Eltern geschrieben hat, das
auch die Leidensgeschichte ihrer Tochter
Krissy erzählt*.
 |
Wer in
Deutschland vor Cannabis warne, sagt
die Authorin, gelte schnell "als
Spiesser, der seinen Kindern die
schöne Droge nicht gönnt". Auch sie
selbst habe, wie viele andere
Eltern, in ihrer Jugend Cannabis
probiert und deshalb gegenüber ihrer
kiffenden Tochter nachsichtig
reagiert. Inzwischen habe sie ihre
Einstellung geändert. "Eltern
glauben, sie seien verständnisvoll
und gingen mit der Zeit, wenn sie
Kiffen erlauben. In Wahrheit aber
nehmen sie ihren Kindern die
Orientierung". |
|
Gern, sagt Lisa
Lindberg, hätte sie ihrer Tochter
das Martyrium erspart. Das blonde
Mädchen hatte drei Jahre beinahe
täglich gekifft. Dann kamen die
Wahnvorstellungen: sie glaubte, in
ihrem Kopf würden Spinnen
herumkrabbeln.
Wochenlang verliess sie nicht das
Bett, manchmal schrie sie vor Angst.
Weil sie die imaginären Spinnen
austrocknen wollte, ass und trank
sie kaum noch und magerte bis auf
die Knochen ab. Krissys Therapeutin
habe sie beruhigt, das sei normal,
erzählt die Mutter. Erst als sie
Angst um das Leben ihrer Tochter
bekam, wandte sie sich an einen
Psychiater. Der behandelte Krissy
mit Medikamenten, langsam ging es
ihr besser. Aber die
Wahnvorstellungen und die Angst
nahmen die Schülerin weiterhin so
mit, dass sie drei Jahre lang die
Villa ihrer Eltern nur verliess, um
zur Therapie zu gehen und einmal am
tag zum Joggen.
Jetzt ist Krissy 24 und wohnt noch
zu Hause. Gerade hat sie ihr Abitur
geschafft. Ein grosser Erfolg. Die
ersten Klassenkameraden von früher
feiern schon Erfolge im Beruf.
RAINER LEURS
CORDULA MEYER
CONNY NEUMANN
CAROLINE SCHMIDT
ANDREAS ULRICH |
Mit
freundlicher Genehmigung
von:
SPIEGEL-Verlag
Leser-Service
Brigitte Walter |
|
|
|
|
aus dem Spiegel |
|